Bahnindustrie regt Schlüsselprogramm für Schienenverkehr an

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Der Umsatz der Bahntechnikhersteller in Deutschland ist im ersten Halbjahr des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum kräftig gestiegen. Das hat der Verband der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) Mitte Oktober auf seiner Halbjahrespressekonferenz in Berlin bekannt gegeben. Die Unternehmen profitierten den Angaben zufolge vor allem vom Auslandsgeschäft. Demgegenüber blieb das Geschäft mit Infrastrukturausrüstungen – gerade im Inland – erneut hinter den Erwartungen zurück.

Auf insgesamt 5,3 Milliarden Euro belief sich der Umsatz der Bahnindustrie im ersten Halbjahr. 2,1 Milliarden Euro davon entfielen auf das Auslandsgeschäft mit Zügen, Lokomotiven und deren Komponenten – ein Plus von 50 Prozent. Um knapp 12 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro legte das Inlandsgeschäft in diesem Segment zu. Allerdings sank der Umsatz für Infrastrukturausrüstungen um 8 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. VDB-Präsident
Martin Lange sprach auf der Pressekonferenz angesichts der Bestellungen in Rekordhöhe im vergangenen Jahr von einem erwartungsgemäßen Anstieg des Umsatzes. Die Zahlen zeigten allerdings auch, dass gerade das Inlandsgeschäft mit Infrastrukturausrüstungen „das große Sorgenkind“ der Branche sei.

An dieser Stelle brachte der VDB erneut ins Gespräch, auf öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) zu setzen, um die Nachfrage in diesem Marktsegment zu stimulieren. Potenzial sieht der Verband insbesondere bei der Modernisierung von Alt-Stellwerken: Im Rahmen von Pilotprojekten könnte „die Ausrüstung von Strecken oder Abschnitten mit modernen Stellwerken als Leasingmaßnahme“ finanziert werden. Der Hersteller würde die Anlagen „errichten, betreiben und instand halten sowie eine Verfügbarkeitserklärung abgeben“, und die DB Netz AG würde dann über den Zeitraum der Nutzung „verfügbarkeitsabhängige Nutzungsgebühren“ zahlen, so die Vorstellung des VDB.

Die Auftragseingänge – ein wichtiger Indikator für die aktuelle Nachfrage nach Bahntechnik – sanken dagegen im ersten Halbjahr um mehr als ein Drittel auf ein Volumen von 5,6 Milliarden Euro. Allerdings müsse man dabei in Rechnung stellen, dass in 2013 die Bahnindustrie Bestellungen in Rekordhöhe eingefahren habe, führte Lange weiter aus. Insgesamt habe die Nachfrage nach Schienenfahrzeugen zwar an Dynamik verloren, die Entwicklung auf dem Markt sei nichtsdestotrotz „moderat, aber solide“. Zudem habe sich die Beschäftigungssituation in der Branche erfreulich entwickelt: Insgesamt arbeiteten in den ersten 6 Monaten des Jahres 51.100 Mitarbeiter in der Branche, 1,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, berichtete Lange.

Wie das Ergebnis der Branche zum Jahresende aussehen werde, lasse sich derzeit noch nicht prognostizieren. Entscheidend dafür sei die Entwicklung des Weltmarktes für Bahntechnik, sagte Lange. Der VDB-Präsident zitierte in diesem Zusammenhang einige Zahlen aus einer aktuellen Marktstudie des Beratungsunternehmens Roland Berger: Demnach hatte der Weltmarkt für Bahntechnik im Jahr 2013 ein Volumen von über 102 Milliarden Euro und wird  bis zum Jahr 2019 um 2,8 Prozent pro Jahr wachsen. Während Westeuropa mit 31,1 Milliarden Euro weiterhin die volumenstärkste Marktregion für Bahntechnik ist, verfügt die asiatisch-pazifische Region mit einem Marktvolumen von 18,7 Milliarden Euro und einem jährlichen Wachstum von 4,2 Prozent über eine bemerkenswerte Dynamik. Weitere Schlüsselmärkte laut der Studie sind: die NAFTA-Staaten mit Kanada, den USA und Mexiko, die mit einem Marktvolumen von über 22 Milliarden Euro inzwischen der weltweit zweitgrößte Markt für Bahntechnik sind, sowie China, die Türkei und Lateinamerika.

Auch Ronald Pörner kam in seinen Ausführungen auf die geringe Inlandsnachfrage an Infrastrukturausrüstungen zu sprechen und brachte dabei die generelle Finanzierungssituation der Schieneninfrastruktur in Deutschland ins Spiel: „In den Ersatz von Infrastrukturausrüstungen muss endlich mehr investiert werden, um im bundeseigenen Schienennetz nicht weiter auf Verschleiß zu fahren“, sagte der VDB-Hauptgeschäftsführer.

In diesem Zusammenhang ist auch die Kritik des VDB am Bundesfinanzministerium zu sehen, das einer Erhöhung der Regionalisierungsmittel zur Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) in Städten und Regionen ab 2015 einen Riegel vorgeschoben hat, um diese Frage im Paket mit anderen Finanzfragen zwischen dem Bund und den Ländern zu lösen. Dieses Vorgehen berge die Gefahr, dass die Regionalisierungsmittel zur Manövriermasse und – wie schon in der Vergangenheit – empfindlichen Kürzungen ausgesetzt würden, so VDB-Präsident Martin Lange. Darüber hinaus regte der VDB unter anderem an, den Vorschlag des Bundesverkehrsministers Alexander Dobrindt aufzugreifen, eine „Digitale Agenda“ für die deutsche Wirtschaft zu entwickeln: Seit geraumer Zeit fehle dem Bahnsektor eine gemeinsame Vision, eine Aufbruchsstimmung und ein zukunftsweisendes Leitbild für einen vernetzten Verkehrsträger Schiene. Die – abgesehen von der Bahnreform 1994 – letzte Zukunftsidee, die aus dem Sektor kam, sei das Rad-Schiene-Forschungsprogramm in den 1980er-Jahren gewesen, mit dessen Hilfe der Hochgeschwindigkeitsverkehr mit eigener Technologie in Deutschland zur Marktreife geführt worden sei, sagte Pörner.

In Zeiten von Industrie 4.0 wolle der VDB deshalb eine Diskussion im gesamten Sektor anregen, um sich „mit einem Schlüsselprogramm strategisch auf die Herausforderungen der Zukunft“ vorzubereiten. Der deutsche Bahnsektor müsse wieder zum Taktgeber werden, ehe andere Industrienationen diese Rolle übernähmen. Bundesverkehrsministers Dobrindts Idee einer „Digitalen Agenda“ könne hierfür zum Ausgangspunkt werden, allerdings ergänzt um die Dimension der Automatisierung, sagte Pörner weiter.

„Europa hat im Sommer dieses Jahres mit dem Bahnforschungsprogramm „Shift2Rail“ ein starkes Signal gesetzt. Der Rückenwind, der davon ausgeht, sollte uns Ansporn sein, um das größte Eisenbahnland Europas mit dem Verkehrsträger Schiene und einer zusätzlichen nationalen Offensive zur Digitalisierung und Automatisierung – kurz „Eisenbahn 4.0“ – weiter an der Weltspitze zu halten“, sagte der VDB-Hauptgeschäftsführer, der diesen Vorschlag als Denkanstoß verstanden wissen wollte.

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