ÖPNV-Bilanz: VDV wartet weiter auf Verkehrswende

Auf seiner Jahrespressekonferenz Ende Januar in Berlin hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) erneut einen Rekord bei den Fahrgastzahlen verkünden können.

Ihren Marktanteil hat die Branche aber in den vergangenen Jahren dennoch nicht steigern können, von einer Verkehrswende kann also nach wie vor nicht die Rede sein. Außerdem sieht der VDV die Finanzierungsbedingungen für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und die Wettbewerbsfähigkeit des Schienengüterverkehrs weiterhin kritisch.

Im Jahr 2016 konnte der ÖPNV in Deutschland 180.000 Fahrgäste mehr als im Jahr zuvor gewinnen und beförderte über 10,18 Milliarden Kunden. Verkehrsträgerübergreifend sei dies seit dem Jahr 1996 der stärkste Zuwachs, wenn man von 2006, dem Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, absehe, so VDVPräsident Jürgen Fenske, der eine „ausgesprochen positive Bilanz“ präsentierte.

Am stärksten legten der Schienenpersonennahverkehr (2,8 Prozent) und der Tramverkehr (2,5 Prozent) zu. Erfreulich sieht der VDV auch das Plus bei den Busverkehren (0,7 Prozent), angesichts der anhaltenden Probleme beim kommunalen ÖPNV aufgrund sinkender Bevölkerungszahlen in vielen ländlichen Regionen der Republik. Ein Warnsignal an den Bund sei allerdings der sinkende Kostendeckungsgrad der Branche trotz moderat erhöhter Fahrpreise.

Grund dafür sei vor allem der Rückgang öffentlicher Zuschüsse an den ÖPNV, sagte Fenske weiter. Klar sei aber auch, dass das entscheidende Verkehrsprojekt „Bauen, Bauen, Bauen“ laute, um das  Mischungsverhältnis zwischen ÖPNV und Individualverkehr zugunsten des umweltschonenderen ersteren zu verbessern: Derzeit könne zum Beispiel eine Stadt wie Köln mit einem Mischungsverhältnis unter 25 Prozent mit ÖPNV-Vorzeigestädten wie Kopenhagen (35 Prozent) oder Wien (40 Prozent) nicht mithalten, verdeutlichte Fenske.

Insgesamt sieht VDV-Präsident das Potenzial des ÖPNV angesichts eines stagnierenden Marktanteils von 11 Prozent bei weitem nicht ausgeschöpft: „Das ist das glatte Gegenteil von dem, was wir für eine nachhaltige Verkehrswende für notwendig halten“, kritisierte Fenske und kündigte an, dass der VDV noch vor der Bundestagswahl konkrete Vorschläge dazu vorlegen werde.

Besonders kritisch sieht der VDV zum Beispiel die Entwicklungen bei den Plänen der Bundesregierung, die finanziellen Mittel aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) bis auf Weiteres einzufrieren. Dies würde bedeuten, dass das Wachstum des ÖPNV politisch ausgebremst und wichtige Ausbauprojekte nicht realisiert würden, warnte Fenske.

Ebenfalls kritisch ist laut VDV die Situation im Schienengüterverkehr (SGV), die VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff beschrieb: Vor allem auf der Kostenseite, aber auch bei regulatorischen Eingriffen der europäischen und nationalen Gesetzgeber sieht sich die Branche deutlich im Nachteil gegenüber LKW und Binnenschiff. Die Kernforderungen des Verbandes sind die Abschaffung der EEG-Umlage und die Halbierung der Trassenpreise, um den SGV wieder wettbewerbsfähig zu machen. Wolff und Fenske betonten dabei gleichermaßen die systemische Bedeutung des SGV: Eine Abschaffung des SGV könne niemand wollen, da dies einen Verkehrskollaps auf der Straße und erheblich steigende Kosten für den Schienenpersonenverkehr bedeuten würde.

Deutschland müsse dahin kommen, das Verkehrssystem ganzheitlich zu betrachten: Verkehr müsse Verkehr finanzieren, nicht die Bahnen die Schiene und das Auto die Straße. In dieser Hinsicht hat sich der VDV das Schweizer Modell als Zielvorstellung zu Eigen gemacht. (Stand 02/2017)
 
Daten und Fakten zum Personenverkehr auf dem Online-Angebot des VDV.

Laut VDV-Statistik konnten 2016 auch die Busverkehre leicht zulegen.
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