VCD: Fernverkehr muss attraktiver werden

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat sich für eine deutschlandweite Koordinierung von Tarifstruktur und Taktung im Fernverkehr ausgesprochen. Auf einer Fachtagung, die der VCD im Juni in Berlin ausrichtete, ging es um die Frage, wie die Bahn für Fernreisende attraktiver werden kann. Hintergrund: Mehr als 20 Jahre nach der Bahnreform hat die Zahl der Reisenden mit zuletzt 129 Millionen Fahrgästen (2014) noch nicht den Stand von 1994 erreicht. Diese Zahlen nahm der VCD zum Anlass, mit Vertretern von Eisenbahnverkehrsunternehmen, Experten und Verkehrspolitikern über Ursachen und mögliche Konsequenzen aus dieser Entwicklung zu diskutieren.

Der VCD-Vorsitzende Michael Ziesak warf die Frage auf, ob der mit der Reform eingeschlagene Weg der Marktöffnung im öffentlichen Personenverkehr gescheitert sei und die Politik nachsteuern müsse. Neben den Wettbewerbsverzerrungen zugunsten der konkurrierenden Verkehrsträger machte Ziesak unzureichende Transparenz und Bekanntheit der Angebote für den Rückgang der Fahrgastzahlen verantwortlich. Laut einer VCD-Umfrage sei nicht der Preis, sondern der Wunsch nach Flexibilität ausschlaggebend für die Wahl des Verkehrsmittels. Daher sei eine bessere Verknüpfung und Vernetzung der Angebote nötig, so Ziesak. Der VCD fordert eine bundesweit einheitliche Tarifstruktur im Schienenpersonenverkehr (Deutschland-Tarif) sowie einen integralen Fahrplan für den Fern- und Nahverkehr (Deutschland-Takt), nach dem sich auch der Ausbau der Netzinfrastruktur ausrichten sollte.

Demgegenüber sprach sich Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr bei der DB, für eine „elektronische Lösung“ aus, die aufgrund der vorhandenen technischen Möglichkeiten einfacher zu realisieren sei als eine völlige Umgestaltung der Tariflandschaft. Entscheidend für den Erfolg der neuen DB-Fernverkehrsoffensive sei die Produktdifferenzierung, also die klare Abgrenzung der Bahnangebote von anderen Verkehrsträgern, die dafür sorgen soll, dass die Kunden wissen, was sie von der Bahn erwarten können. Homburg zeigte sich zuversichtlich, dass die Bahn mit ihrer Offensive die angestrebte Zahl der Neukunden erreichen könne. Dazu müssten aber auch die politischen Rahmenbedingungen stimmen, betonte der DB-Vorstand. Notwendig seien etwa eine bedarfsgerechte Planung und Weiterentwicklung der Infrastruktur und eine hinreichende finanzielle Ausstattung des öffentlichen Personenverkehrs.

Von Erfahrungen aus der Schweiz und Österreich berichteten Petra Breuer, Direktorin im Schweizer Verkehrs-Bundesamt, und Erich Forster, Geschäftsführer der WestBahn GmbH, die den Fernverkehr auf der Strecke Wien-Salzburg betreibt. Vorbild für den vom VCD geforderten Deutschland-Takt ist die Schweiz, wo das gesamte ÖPNV-Angebot vom Fernverkehr ausgehend geplant wird, der eigenwirtschaftlich von der SBB mit einer Konzession des Bundes erbracht wird. Als Beispiel für Markterfolg durch konsequente Kundenorientierung präsentierte sich dagegen die österreichische West-Bahn, die auf hohe Zufriedenheitswerte bei Fahrgastbefragungen verweisen kann. Das Unternehmen setzt dazu auf einfache Tarif- und Vertriebsgestaltung, zielgruppenspezifische Angebote, hohe Mitarbeitermotivation und moderne Zugausstattung.

Christoph Schaafkamp von der Strategieberatung KCW empfahl eine stärkere Rolle des Staates im Schienenpersonenverkehr. So solle sich der Bund in die Angebotsplanung einschalten, für die Einhaltung nationaler Standards bei Tarif, Taktung und Vertrieb sorgen und die Infrastruktur unabhängig von Profitabilitätskritieren weiterentwickeln. Seiner Ansicht nach sei eine reine Marktlösung im öffentlichen Personenverkehr nicht zielführend, weshalb auch nicht die DB allein dafür verantwortlich gemacht werden könne, dass die Fahrgastzahlen bislang hinter den mit der Bahnreform verbundenen Erwartungen zurückbleiben. Schaafkamps Thesen wurden in der anschließenden Diskussion aufgegriffen, die sich um das Für und Wider eines staatlich bestellten Fernverkehrs drehte und an der sich auch die verkehrspolitischen Sprecher von SPD und Grünen, Kirsten Lühmann und Stephan Kühn, beteiligten. Fazit des Veranstalters VCD: Die Mehrheit der Tagungsteilnehmer begrüßt die Idee eines staatlichen Konzeptes für den Fernverkehr. (Stand 07/2015)
 

DB-Vorstand Ulrich Homburg bei der Fachtagung Fernverkehr des VCD im Gespräch mit Moderator Timon Heinrici (rechts)
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